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Furtwänglers Grab: Novelle

by Marshall Kerr

138 pages; quality trade paperback (softcover); catalogue #04-1219; ISBN 1-4120-3392-6; US$16.00, C$19.00, EUR13.00, £9.50

Schizophrenie, Gefngnisvergewaltigung, und andere Konsequenzen der Abweichung und des Kriegs: neunundzwanzig Stunden aus dem Leben eines Feldjgers in der US-Armee am U.S.-Militrgefngnis Mannheim im November 1973.


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About the Book

16.-17. November 1973: schließlich zurücktretend von Vietnam und der widerrechtlichen Teppich-Bombardierungen vom anscheinend neutralen Kambodscha verlassend, die Vereinigte Staaten währt, um der Sowjetunion über dem noch nicht erledigten Jom-Kippur-Krieg im Nahen Osten Blick niederzuzwingen; Außenminister Henry Kissinger - der anscheinend den Umsturz and Mord Salvador Allendes vom chilenischen Militär förderte - wurde eben jetzt mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet; Spiro Agnew trat aus der Vizepräsidentschaft in krimineller Ungnade aus; und Richard Nixon kämpft, um seine politische Karriere gegen Anklagen, dass er im durchgefallenen, drittrangigen Einbruchversuch am Watergate-Gebäude teil nahm, zu retten.

Während eines typischen Freitagmorgens und Nachmittags am Mannheimer Militärgefängnis, im westzentralen Deutschland, Sergeant Arndt P. Bergson, ein Feldjäger und Vietnamveteran, der funktioniert als Sozialarbeit/Psychologie-Spezialist, behandelt einen schizophrenen Gefangener in der Hochsicherheitsabteilung und Konsequenzen einer Vergewaltigung in der Mediumsicherheitsabteilung am Abend vorher. Nach dem Arbeit, er besucht eine Diskothek im Stadtgebiet und trifft dort sowohl einen von mittlerem Alter deutschen Veteran des Russlandkriegs als auch einen charmanten, jungen Zigeuner, deren ganzen weiteren Familienkreis während des Holocausts fast ausgerottet wurde. Am folgenden Morgen, er wandert durch historische Landschaften des Rheintals zu einem ruinierten Schloss aus dem 12. Jahrhundert in den Bergen oberhalb von Weinheim und überlegt sich seine eigene Arbeitsschicht in Vietnam, seine Vaters Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg, und aktuelle Ausblicke für Bürger den Vereinigten Staaten - und der Welt.

Am Nachmittag er tritt in der nahegelegenen, altertümlichen Universitätstadt Heidelberg ein und sucht nach jemandem, den er einige Wochen früher dort begegnete, während eines temporären Pflichteinsatz am 130. Station Hospital. Was er entdeckt über das folgenden Schicksal des jungen Soldats - und mögliche Konsequenzen seinen eigenen kürzlichen Taten - führt zur bedeutenden Glaubenskrise und noch weiteren verunsichernden Aufdeckungen.

Für weitere Auskunft, bitte besuch http://www.opus95.com/heidelberg/Bergfriedhof.htm

Dieses Buch ist auch in der ursprünglichen Ausgabe auf Englisch erhältlich: Furtwängler's Grave: A Novella


About the Author

Marshall M. Kerr diente in den frühen siebziger Jahren im Military Police Corps der U.S. Army.


Sample Excerpts from Furtwänglers Grab: Novelle

Für Arndt Bergson war es nichts Neues, glücklich zu sein. Erst vor acht Wochen hatte er glücklich wie ein Kind beim Frühstück unterhalb der Felsen gesessen, über denen sich die geborstenen Mauern des Heidelberger Schlosses erhoben. Jimmy Wilson, ein Kamerad bei der U.S. Army, versuchte - Ellenbogen auf den Tisch des Straßencafés gelegt und sich die Schläfen mit den Daumen reibend -, die trüb verkaterten, grauen Augen vor der morgenhellen Sonne zu schützen, wohingegen Arndt sein Gesicht zufrieden dem Himmel zuwandte.

"Was, zum Teufel, hat denn dieses dämliche Grinsen zu bedeuten?" murmelte Jimmy.

"Also, wenn du's immer noch nicht begriffen hast," gab Arndt zurück, "dann musst du den ganzen letzten Monat verpennt haben."

Über den fantastisch blauen Himmel jagten blendend weiße Wolken dahin und schimmerten an dem zwischen Felskanten und städtischer Silhouette sichtbaren Stück Firmament. Arndt erinnerte sich an eine Wanderung letzte Woche, die über sonnenfleckige Weiden und bewaldete Nebenwege auf der Hochebene hinter diesem Tal geführt hatte. Mit dem inneren Ohr konnte er selbst jetzt noch die beschwingten Takte von Beethovens Allegro des Quartetts Opus 74 vernehmen - wenn auch gelegentlich vom Treiben auf den Straßen zweihundert Meter unten ihnen übertönt -, die dieser Landschaft inne zu wohnen schienen.

Geschichte, dachte Arndt bei sich, ist wie ein Rorschach-Test auf einem Spiegel.

Die Erinnerungen an Heidelberg waren plötzlich wie weggeblasen: ein giftiges elektronisches Summen, ein lästiges Scheppern drangen an sein ganz und gar äußeren Ohr; vergitterte Fenster zur Linken zeigten verregneten graubedeckten Himmel, nicht Blau hinter zartem Weiß. Die finster gähnende Gang vor ihm legte am ehesten noch Musik wie aus Godunows Sterbeszene nahe, oder die Szene in Rheingold, wo der unsichtbare Alberich die glücklos versklavten, schreienden Zwerge durch Niebelheim treibt, denn just in diesem Moment verklang auch hier, an diesem eisernen Gatter das Echo eines Aufschreis aus der Tiefe des Trakts. Sergeant Arndt Peter Bergson vom U.S. Army Military Police Corps war unterwegs auf den Fluren des Verwaltungstrakts zum Zentralen Kontrollpunkt des Mannheimer U.S.-Militärgefängnisses.

"Mann am Tor," rief Arndt, als er an das blau gestrichene Tor kam. Auf der jenseitigen Seite des Tores reckte ein Soldat in olivgrüner Uniform, sicher hinter kugelsicherem Glas untergebracht, den Kopf, um den Gang hinter Arndt einsehen zu können, bevor er eine Taste auf der Seite des Kontrollpults betätigte. Ein Summen, Scheppern und Quietschen vor ihm, als das Tor aufschwang, ein Klicken und Scheppern hinter ihm, als Arndt den Arrestzellenbereich zwischen dem Verwaltungstrakt und dem eigentlichen Gefängnis betrat, und das Tor sich automatisch hinter ihm schloss.

Arndts gerade abgeschlossenes, einmonatiges Training am 130. Station Hospital in Heidelberg qualifizierte ihn (zumindest nach Ansicht der U.S. Army) als Fachkraft für Sozialarbeit/Psychologie im militärischen Justizvollzug. Er war zweiundzwanzig Jahre alt, stammte aus Iowa, und war vorher stellvertretender Befehlshaber des dritten Wachzugs gewesen, also genau jener Einheit, die an diesem Freitagmorgen im November 1973 hier Wachdienst hatte. Genau aus diesem Grunde war er auch nicht überrascht, dass sein Erscheinen am inneren Tor der Einzäunung keine sofortige Reaktion vom Kontrollraum zeitigte.

Es war Obergefreiter George Morrell, ein blonder Texaner aus Dallas mit hellgrünen Augen und der Nase eines Luchses, der dort drinnen mit einem verschlagenen Grinsen im Gesicht saß und die Hand über dem Steuerpult schweben ließ. Er und Arndt saßen oft bei Schnaps und Bier in der Dorfkneipe am Ort zusammen, aber im Grund hatten sie immer nur so getan, als diskutierten darüber was denn nun besser sei: die Rinderherden in Texas oder die in Iowa, Präriegesträuch oder Mais, das Footballteam der Cowboys oder das der Vikings. "Immer schön ‚Bitte' sagen, Sergeant," flötete George durch das Fenster.

"Bitte, bitte, böser Wolf-Obergefreiter," Arndt tat so, als zittere er vor Angst, "aber friss mich nur nicht auf!"

"Also gut, kleines Geißlein, wie du willst," alberte Morrell, kannte sich offensichtlich noch bestens bei den Brüdern Grimm aus, und Arndt erhielt Zutritt zum zentralen Kontrollpunkt. Mit einem letzten flüchtigen Blick zurück durch den hundert Metern langen Gang des Verwaltungstraktes schloss er das Gatter hinter sich. Ein einsamer Wächter lümmelte unbequem auf einem Stuhl auf halber Höhe des Flurs, am geöffneten Tor von Pfosten 13, und ließ sich die Passierscheine der gelegentlich vorbei kommenden Häftlinge zeigen. Irgendwo dahinter, irgendwo in der Nähe des Kommandanturbüros, schubberte unaufhörlich eine Bohnermaschine, zog den Raumpfleger träge an ihren Griffen hinter sich her, prallte mal gegen die eine, mal gegen die andere Wand, und ließ den gebohnerten Linoleumfußboden in fast nicht mehr vorstellbarem Glanz hinter sich.

Auch der Kontrollpunkt träumte in behäbiger Vormittagsruhe vor sich hin, bot keinerlei Zerstreuung, als Arndt die Treppe zur oberen Etage des Gefängnisses nahm. Der mittlere Sicherheitsbereich in Block A zu seiner Linken, also Richtung Westen, lag größtenteils menschenleer da, denn die dort untergebrachten Insassen befanden sich entweder in den Unterrichtsräumen im Obergeschoss, in den Werkstätten über den Hof rüber Richtung Norden, oder waren sonst wo auf dem Gelände mit allgemeinen Wartungsarbeiten beschäftigt. Auch in der Klinik, der Bibliothek und den sportlichen Einrichtungen im Ostflügel rechts schien man eine ruhige Kugel zu schieben. Der Friseursalon, dessen deutscher Pächter einmal die Woche geöffnet hatte, und der anscheinend das Privileg, die Gefangenen mit seinem disharmonischen Gepfeife und seinen unverständlichen Witzen in schlechtem Englisch zu drangsalieren, als eine Art Sonderzulage betrachtete, dämmerte linkerhand mit seinen verrammelten Türen und Fenstern vor sich hin.

Arndt hielt sich rechts, stürmte im Gegenuhrzeigersinn drei Treppen und zwei Absätze hoch, wobei er mit den Fingerspitzen am schweren Maschendraht entlang streifte, der die Insassen von unerlaubten Flugversuchen im Treppenschacht abhielt. Aus zwei Unterrichtsräumen hinter ihm drangen die nahezu gleich klingenden, kontrapunktisch brummenden Stimmen der Ausbilder. Auf dem oberen Treppenansatz wandte er sich scharf nach rechts und schritt in Richtung des Hochsicherheitsblocks C. Ein winziger Abort in der Ostwand kurz vor der Stahltür des Zellenblocks erinnerte ihn an eine kleine wenn auch dringliche Angelegenheit, und er trat kurz ein, wobei er zunächst einen fehlplatzierten Mopp in seinen Eimer stellen und die merkwürdigerweise angelehnte Tür der Besenkammer im Eingangsbereich des Aborts schließen musste.

Sorgfältig achtete Arndt beim Austreten darauf, dass weder die Hose noch die blank geputzten Springerstiefel einen Tropfen abkriegten, und da echte, zerbrechliche Spiegel offensichtlich ein unannehmbares Sicherheitsrisiko in diesem Umfeld darstellten, rückte er die Krawatte der Ausgehuniform vor einem imaginären Spiegel zurecht, bevor er wieder auf den Flur trat. Er nahm seinen Job sehr ernst, und der tadellose Sitz seiner Uniform war ihm wichtig. Der Hauch von Pazifismus, der Norwegen, dem Land seiner Vorfahren, anhaften mochten - sei es aufgrund des Friedensnobelpreises oder wegen bestimmter sozialistischer Tendenzen - änderte nichts an der Tatsache, dass die männlichen Mitglieder seiner Familie seit eh und je in der U.S. Army gedient hatten.

Beispielsweise lag die Einwanderung seines Urgroßvaters Haake gerade mal zwei Jahre zurück, als der Sezessionskrieg ausgebrochen war, noch während er dabei war, sich mühsam eine Existenz in Illinois aufzubauen. Von Haus aus leidenschaftlicher Gegner der Sklaverei, hatte er sich den Truppen General Grants angeschlossen, der die bedingungslose Kapitulation der Südstaaten quasi zu seinem Spitznamen gemacht hatte - Unconditional Surrender nannten seine Männer ihn -, und erlebte den Feldzug durch das Mississippi-Tal, wobei er ein Auge und einen Arm bei Vicksburg verlor. Später dann hatte er ein gut gehendes Fachgeschäft für Pumpen und Gummi in Cedar Rapids im Bundesstaat Iowa eröffnet und war gleich zweimal als Kandidat für das Bürgermeisteramt angetreten, allerdings auch zweimal gescheitert.

Zwei Jahre nach dem Tod des Vaters kam die Reihe an seinen jüngsten Sohn Anders - Arndts Großvater, ein frischgebackener Tierarzt, frischvermählt und mit einem kleinen Sohn, der noch in den Windeln lag -, in den Krieg zu ziehen. Diesmal ging es mit General Pershing, genannt Blackjack, nach Europa, um Frankreich und Belgien von den Boche zu befreien, und Arndts Großvater war nie zurück gekommen. Er wurde Opfer eines direkten Artillerieeinschlags, als er nahe der Marne versuchte, nachts Pferde aus einem in Brand geschossenen Stall zu retten. Der Bergungstrupp war nicht mal ganz sicher, ob es sich bei den Überresten im Sarg wirklich zu hundert Prozent um seinen Leichnam handelte, aber die Familienlegende stellte es immer so dar, als hätte es gar kein besseres Ende für diesen Pferdenarr geben können, als nach einem so radikal abgekürzten Leben zusammen mit seinen Tieren beerdigt zu werden.

Auch Arndts eigener Vater Edmond war gerade mal zwei Jahre aus Uni, als er dem Ruf zur Befreiung Norwegens - und ganz Europas - vom Nationalsozialismus folgte. Allerdings nahm der Feldzug General Pattons - der Spitzname Blood and Guts war Programm - zur Befreiung Oslos merkwürdig verschlungene Umwege über Marokko, Algerien, Tunesien und Sizilien. Letztendlich kam Edmond nie dazu, das Grab seines Vaters aufzusuchen, denn bereits am Gela Brückenkopf an der sizilianischen Küste wurde er von den Trümmern einer durch die eigene Flak abgeschossene U.S.-Transportmaschine getroffen und mit einem Metallstück im Kopf vorzeitig Richtung Heimat verschifft.

Arndt war fest entschlossen, mit der etablierten militärischen Familientradition zu brechen. Er war der einzige Sohn dieses Kriegsversehrten und der Frau, die auf ihn gewartet, ihn dann trotz seiner Kriegsverletzungen heiratete hatte und sogar stolz auf ihn war. Arndt selbst war ein Musterschüler gewesen, stieg außerdem bei den Pfadfindern zum höchsten Rang auf, dem des Oberpatrouillenführers, bevor er ausschied, um sich ganz auf den Leistungssport an der Schule zu konzentrieren. In der letzten Klasse brachte er es in der Football-Abwehr auf ganze vierzehn abgefangene Pässe, zweimal wurden ihm Football-Stipendien an zwei der besten zehn Hochschulen des Landes angeboten. Gleichzeitig war ihm aber auch an alten Büchern gelegen, an den Klängen der Beethoven-Quartette, an Wagner und Bruckner, an Bach. Er sprach sich bei jeder passenden Gelegenheit gegen die verfehlte Politik aus, die Washington in Indochina betrieb, aber anders als seine Vorfahren wartete er nicht erst zwei Jahre seines Lebens ab, um am Ende doch eingezogen zu werden, sondern meldete sich gleich am ersten Tag nach dem Schulabschluss beim Ersatzamt der U.S. Army mit der Frage, wie es denn mit einem Rückflugticket nach Vietnam aussähe.

Ein erklärter Gegner eines hirnrissigen Krieges zu sein war eine Sache, Gefühle wie Pflicht, Ehre und Vaterlandsliebe ernst zu nehmen dagegen eine völlig andere.


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